Tag 14: 01.04.2005: 6 Stunden lang bis zum Sonnenuntergang

unser privat beach auf dem Maddalena - Archipel

Manchmal ist es gut, nicht immer zu wissen, wie sich ein Tag entwickelt. Der heutige zählt mit Sicherheit dazu, denn es sollte ein weiterer Hammertag werden, und am Ende war es sogar der längste dieser Tour. 7:15 Uhr wachte ich mit meinem Wecker auf, denn ich wollte ein weiteres Mal den Sonnenaufgang fotografieren. Leider war es bedeckt, und so blieb ich noch etwas liegen und stand dann erst 8:00 Uhr auf. Obwohl sich der Wind gelegt hatte, war es noch immer frisch und ich begann, mir die Füße zu vertreten. Nach zwanzig Minuten kam ich zurück und schrieb einen weiteren Stapel Postkarten. Nachdem wir dann 9:30 Uhr gefrühstückt hatten, schrieb Mäfju seine letzten Postkarten, und ich räumte schon mal unser Zeug zusammen.

Ordnung pur: ein Blick in unser Vorderzelt

Im Laufe des Vormittags hatten sich alle Wolken verzogen und bei unserem Start 10:45 Uhr war der Himmel azurblau. Es war schon wieder richtig warm. So fiel es uns wieder einmal nicht leicht, los zu fahren. Aber vor uns lagen nun noch 160 Kilometer, für die wir nur noch zwei Tage Zeit hatten. Unter normalen Umständen sollte dies zu schaffen sein, aber man weiß ja nie ... Zuerst einmal führte die Panorama-Straße bergan, so daß wir gleich nach dem Start wieder ins Schwitzen kamen. Nach zwei Kilometern fanden wir einen Supermarkt, und Mäfju holte Fladen, Wasser und Brötchen mit Aufstrich. Am Fährhafen kauften wir dann unsere Tickets zurück nach Sardinien. Die 20-minütige Überfahrt kostete uns 2,30 Euro inklusive Rad. Wir konnten auch gleich auf die Fähre und erreichten kurz nach 11:30 Uhr Palau auf Sardinien.


sehnsüchtiger Blick: Abschied vom Archipel
auf Anschlag: unsere Fahrt nach Santa Teresa

Ich bin ordnungsgemäß rausgefahren, und drei Minuten später war Mäfju nicht mehr hinter mir. Ich setzte meine Brille auf und konnte ihn trotzdem nicht sehen. Also rief ich ihn an, und wir machten uns einen Treffpunkt am Ortsausgang aus. Ein ähnliches Kunststück hatten wir schon einmal auf unserer zweiten Kanarenetappe geschafft. Nach zehn Minuten hatten wir uns dann wieder und konnten gemeinsam weiter fahren. Ich fühlte mich heute sehr gut denn gestern hatten wir ja einen halben Ruhetag eingelegt. Mäfju dagegen merkt ab und zu noch sein Knie. Teilweise scheint er sich etwas durchzubeißen, aber letztendlich konnte er immer unser hohes Tempo mitfahren. „Mein Knie hat ja dann erst einmal ein Jahr Zeit, sich zu regenerieren“, kommentierte Mäfju seine Schmerzen. Unseren ersten Stop wollten wir im 22 Kilometer entfernten Santa Teresa machen. Der Pizzabäcker von gestern meinte, dass wir 2 Stunden für die Strecke benötigen würden. Ich wollte beweisen, dass es schneller geht und machte vorne ordentlich Tempo. Nach zwei Kilometern erreichten wir die rote „133 bis“. Bis nach Santa Teresa waren 80 % der Strecke als „landschaftlich sehenswert“ eingestuft. Wir dagegen fanden die Aussicht OK,aber nicht umwerfend. Trotzdem war sie sehr angenehm zu fahren, denn der Verkehr war nur gering. Die Sonne brannte jetzt ordentlich. Ich gab weiterhin Vollgas und bekam sogar noch Oberschenkelschmerzen auf der Geraden. Die Strecke war sogar noch welliger als erwartet, und wir mussten uns bei Erhebungen von mehr als 100 Höhenmetern noch einmal richtig anstrengen. Nach nur einer Stunde erreichten wir Santa Teresa. Die Stadt war sehr schön auf einer Erhebung am Meer gelegen und hatte bestimmt einen Supermarkt. Wir rollten einen Kilometer in die Stadt und fanden auch gleich etwas zum Einkaufen. Mäfju ging erneut rein und kam nach zehn Minuten (kurz vor bevor der Laden über den Mittag geschlossen wurde) wieder raus – leider wieder ohne Brot. Trotzdem hatte er uns ein paar Marsriegel zur Motivation gekauft. Hinter dem Ort sollten bei einem Kap sogar noch bizarre Felsformationen zu sehen sein. Das „Capo Testa“ hatte sogar zwei blaue Sterne von unserem Reiseführer bekommen (was schon sehr viel ist). Auf dem Weg zum Capo mussten wir aber noch einmal einen Berg hochfahren. Nur mit Mühe konnte ich Mäfju überreden mitzukommen. Als wir dann aber auf dem Sattel des Berges den weiteren Streckenverlauf erahnen konnten (immer wellig und vor allem hoch), entschieden wir uns, lieber am Meer Mittag zu machen. Am Strand von Santa Reparata bot sich noch eine gute Gelegenheit zu chillen. Er war menschenleer und nur etwas vermüllt. Mäfju prophezeite mir aber, dass hier „im Sommer alles voll sein wird.“

Mittagspause am Santa Reparata

Wir verfuhren uns nach dem Mittag (mit Fisch aus der Dose) in einer Feriensiedlung beim „abzukürzen“. Leider gab es keinen besseren Weg, und wir mussten wieder nach Santa Teresa zurückrollen. Durch die Aktion hatten etwa eine Stunde verloren. Bis Porto Torres (der Stadt am Meer in der Nähe des Flughafens) waren es nun immer noch 98 Kilometer, und es war bereits 14:50 Uhr – also noch vier Stunden Sonnenschein. Es wäre unrealistisch anzunehmen, dass wir es heute noch bis nach Porto Torres schaffen würden, aber wir gaben unser Bestes, schnell voranzukommen. Die Devise hieß: Kilometer schruppen, damit wir dann am letzten Tag nicht mehr so viel Stress bekommen würden. Von der Straße aus sahen wir die weißen Strände der Spiàggia di Rena Mairote. Zum Campen wäre es hier sicherlich schön gewesen, aber wir mussten weiter. Auch dieser Abschnitt der „roten 133“ war nicht besonders stark befahren, und so kamen wir gut voran. Was mich nur etwas nervte, war das wellige Terrains. Es gab keine richtigen Anstiege, aber es war auch alles andere als flach. Im stetigen Wechsel ging es also hoch und runter. Zum Glück wehte der Wind heute nur mäßig, denn wir fuhren nach Westen, der beherrschenden Windrichtung dieser Insel. An wenigen Ortschaften und einigen Ferienanlagen ging es weiter wellig voran. Nach fünfzig Kilometern kam mir mein Hinterrad schwammig vor. Wir hielten an und ich pumpte die Luft auf. Nach einigen Kilometern verlor ich erneut Luft. Nun war es klar – ein Reifenwechsel war angesagt. Wir rollten zu einem kleinen Feldweg, und ich baute mein gesamtes Gepäck ab und wechselte mein Rad innerhalb von 20 Minuten. Unterdessen schälte sich Mäfju eine Orange, und ich machte mir meine Hände total schmierig – dieser Dreck sollte auch bis zum Ende der Tour nicht aus meinem Lenkergriffen raus gehen. Wieder einmal hatte es mich getroffen denn bereits in Schweden und auf den Kanaren hatte ich drei Platten. Mäfju ist dagegen auf allen Touren ohne Platten durchgekommen (das sind nun immerhin mehr als 6000 Kilometer).


die Costa Paradiso zu unserer rechten
erste Zwangspause: Conrads Hinterrad verliert Luft

der erste (und einzige) Platten dieser Tour

Wir sind dann weiter gefahren, und mir kam das Hinterrad immer noch schwammig vor. Dummerweise hatte ich den Mantel nicht gecheckt, und es war nicht unwahrscheinlich, dass der neue Schlauch auch gleich etwas abbekommen hatte. Wir hatten nun aber keine Zeit mehr weiter zu trödeln, denn mittlerweile war es 16:15 Uhr und wir waren noch immer 65 Kilometer von Porto Torres entfernt. Jetzt begannen auch die Anstiege härter zu werden. Ich bekam wegen meines Hinterrads keine richtige Geschwindigkeit auf die Strecke, und Mäfju zog auf und davon. Es ging beim Monte Comunagilu sogar noch auf 210 Meter Höhe, wobei wir dann erneut 100 Meter wieder runterfahren konnten, um erneut auf 227 Meter Höhe bei San Pietro Martire anzusteigen. Hier kamen wir noch einmal ordentlich ins Schwitzen. Die hügelige Landschaft war sehr schön anzusehen, nur war der Himmel leider zu milchig, um ordentliche Bilder zu machen. Nach einem kurzen Stop ging es wieder in Serpentinen bis nach Badessi 4 Kilometer stetig bergab.

weitere Anstiege beim MonteRotu (345 m)
3 Minuten Vorsprung: Mäfju gönnt sich eine Pause


Auf wundersame Weise hatte sich mein Hinterrad wieder etwas stabilisiert, aber ganz vertraute ich dem Ganzen noch nicht und fuhr im gemäßigten Tempo bergab. Mäfju musste deswegen einige Minuten auf mich warten. Der Supermarkt von Badessi hatte noch offen und ich holte noch abgepackte Brötchen, Wasser, fruchtige Colaflaschen von Haribo und Sahnejoghurt zur Motivation. Nun führte uns die Straße durch die Valledoria. Hier überfuhren wir ein Sumpfgebiet (bin mir aber nicht ganz sicher) über drei Brücken (2000, 1200 und 600 Meter Länge). Hier konnte ich auch wieder 40 km/h vorne liegend drücken. Mit abwechselndem Windschatten fuhren wir zügig bis zum Monte Ossoni. „So stelle ich mir Irland vor“, meinte Mäfju, als wir durch die Landschaft mit ihren grünen Wiesen, sanften Hügeln und den Schafen radelten. Zeit für Bilder blieb trotz des ausgezeichneten Abendlicht kaum, denn in 40 Minuten würde es dunkel sein und wir hatten noch nichts brauchbares zum Campen gefunden.

auf der dritten Brücke über die Valledoria

Mäfju und Conrad nach 115 Kilomter


Blick auf die Küste bei Castelsardo

Wir wechselten nun auf die gelbe Straße nach Castelsardo. Hier ging es noch einmal auf 200 Höhenmeter hoch und ich riss während der Fahrt meine Haribotüte auf und bediente mich zur Motivation jede Minute mit einem Haribo. Nach zehn Haribos hatten wir den Sattel erreicht und konnten auf der anderen Seite wieder runter rollen. Rechts von uns lagen die Wiesen im angenehmen Licht der untergehenden Sonne, und links der Straße war schon Schatten. Die Zeit drängte, denn wir hatten nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit ... Drei Kehren weiter sahen wir auch Castelsardo. Es war kein schlechter Blick: auf einem Felsvorsprung klebten die Häuser der Stadt wie Schwalbennester an einem Fels und über allem thronte eine alte Festungsanlage. Eigentlich wollten wir schnell durch den Ort fahren, wurden dann aber von einer einem Trauerzug gestoppt. Vorn war der Verstorbene aufgebahrt, dahinter liefen Männer und Frauen getrennt voneinander in traditioneller Kleidung, und am Ende des Zugs liefen etwa 400 Trauergäste. Der ganze Ort schien auf den Beinen zu sein, und wir konnten nur mutmaßen, dass hier eine wichtige Person zu Grabe getragen wurde. Nach sechs Minuten war die Straße wieder frei, und wir verließen Castel Sardo mit der Hoffnung, heute wieder am Meer schlafen zu können. Die Aussichten waren nicht schlecht, denn auf der Karte waren sechs Badebuchten auf den nächsten 25 Kilometer verzeichnet. Die erste Bucht befand sich noch mitten im Stadtgebiet. Die zweite und dritte lag dann sehr ungelegen, denn wir befanden uns nun an einer Steilküste, und einen Weg nach unten gab es allenfalls als schmalen Wanderpfad. Uns blieb nicht anderes übrig als weiter zu fahren.

Catselsardo im warmen Licht der untergehen Sonne


In der Villa Romana versuchten wir, noch einmal, zum Meer zu fahren. Doch leider war der Strandabschnitt derart schlecht, dass wir wieder zur roten Straße zurück fuhren. Die ersten Autos kamen mit Licht, und uns blieben maximal zehn Minuten, denn die Sonne senkte sich bereits blutrot über dem Mittelmeer. Wir waren am Ende unserer Nerven und entschieden uns einstimmig, hinter Eden Beach noch einmal zum Meer zu fahren. Vorbei an einigen Gartenanlagen und kläffenden Hunden folgten wir der kleinen asphaltierten Straße bis zum Meer.

ohne Zeltstelle und nur noch 10 Minuten bis sunset
endlich haben wir den Strand erreicht ...


Der Strand war nicht besonders einladend, denn er war sehr dreckig und nicht besonders breit. Uns blieb aber keine andere Wahl. Wir schleppten unser Gepäck noch etwa 200 Meter über den schwarzen Sand, um dann an einem etwas breiteren Strandabschnitt unser Zelt zu errichten. 132 Kilometer waren geschafft und wir waren zum zweiten Mal auf dieser Tour richtig knülle. Wir wuschen uns noch kurz mit Wasser aus einer 1 Liter – Plastikflasche, denn die 6 Stunden im Sattel hatten ihre Zeichen hinterlassen. 20:45 Uhr gab es Abendbrot im Zelt. Im SMS – Kontakt mit Susi beratschlagte Mäfju mit ihr über einen passenden Namen für ihr 3er Team beim Ironman in Moritzburg am 12.06.2005. Zu meiner Freude entschieden sie sich für meinen Namensvorschlag „Der flotte Dreier“. Nun waren wir müde und räumten noch schnell unsere Räder ins Vorzelt, putzten uns die Zähne und legten uns dann 22 Uhr in den Schlafsack. Die Brandung ist sehr laut, so dass ich die Nacht bestimmt wieder viel im Halbschlaf träumen werde ...

Conrad wäscht sich den Dreck mit 1 Liter Mineralwasser weg

Statistik zum 14ten Tag

leicht bewölkt war es
Vormittag
leicht bewölkt war es
Nachmittag

Tageskilometer
132,06 km
Gesamtkilometer
1150,85 km
Höhenmeter (gesamt)
1280 (11559)
Durchschnittsgeschwindigkeit
22,14 km/h
reine Fahrzeit
5:57:49 h
Start
10:45 Uhr
Ziel
20:15 Uhr
TopSpeed
56,8 km/h
Temperatur
13 - 28 °C
Übernachtung
4 km nördlich von Sorso
(bei Eden Beach)
Übernachtungshöhe
1 m über NN
Stärkungen (Conrad)

3x Snickers
3/4 Tüte Haribo
Trinken (Conrad)


0,3 Liter Birnensaft
1,5 Liter Apfelsaft
0,8 Liter Limmo
Ausgaben

21 Euro für Essen + Trinken
2,30 Euro für Fähre


Tag 13 / Tag 15


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